„To the moon“? Warum Venture Capital-Investoren auf Wachstum im Weltraum setzen

    • Start der Isar-Aerospace Rakete "Spectrum” vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya. Bildquelle: Isar Aerospace
  • 28. Oktober 2026

    Wenige Wochen ist es her, da zeigte die jüngsten Ereignisse um das Starshield-/Starlink-Netzwerk erneut empfindlich, wie abhängig Europa bei sicherheitsrelevanten und strategischen Schlüsseltechnologien von den USA sind. Souveränität im Weltall und sichere Kommunikationslösungen dort sind kein Nice-to-Have mehr, sondern in einer zunehmend vernetzten Welt überlebenswichtig. Dabei blickten die Finanzmärkte noch vor wenigen Monaten voller Spannung auf den Börsengang von SpaceX, der dem New Space-Sektor in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit bescherte. Der zunehmende Bedarf an proprietären Lösungen ist nur einer der Gründe, warum zunehmend private Anleger, insbesondere Venture-Capital-Investoren aktuell eine Menge Geld in diesen Technologiesektor lenken. Einen Überblick, welche Chancen sie sehen, aber auch, welche Risiken bei dieser Wette aufs Weltall bestehen, gibt der folgende Text.

    Vom Pionier-Projekt zum kommerziellen Infrastrukturmarkt

    Spätestens seit dem erfolgreichen Start der Isar Aerospace-Rakete „Spectrum“ und einer Rekord-Series-C-Finanzierung bei The Exploration Company über 450 Mio. EUR ist Anfang September ist klar: Die private Raumfahrt hat die Phase reiner Pionierarbeit endgültig hinter sich gelassen. Ein Sektor, der über Jahrzehnte Staaten bzw. nationalen Raumfahrtagenturen vorbehalten war, hat sich mit rasanter Geschwindigkeit zu einem hochkommerziellen Infrastrukturmarkt mit zahlreichen Anbietern und Applikationen entwickelt.

    • Beispielanwendung: Waldbrand-Ausbruch- und Ausbreitungsdetektion mit OroraTech-Satelliten.
  • Der Bedarf ist dringend: Unterm Strich könnte dieser Markt bis 2035 auf fast 2 Billionen US-Dollar Jahresumsatz anwachsen, prognostiziert McKinsey. Enormes Wachstumspotenzial, das auf ökonomisch-technologischer Ebene im Wesentlichen mit folgenden Faktoren verknüpft ist:

     

    • Drastische Reduktion der Launch-Kosten: Wiederverwendbare Trägerraketen senken die Transportkosten pro Kilogramm Nutzlast exponentiell, der Zugang zum All wird deutlich wirtschaftlicher. Konkret gingen in den vergangenen 20 Jahren die Startkosten um 90% zurück, woran SpaceX erheblich mitwirkte.
    • Industrialisierung der Satellitenfertigung: Miniaturisierung und Standardisierung elektronischer Bauteile ersetzen kostenintensive Einzelanfertigungen. Bedeutet: Satelliten werden zunehmend in Serie gefertigt und damit ebenfalls günstiger.
    • Skalierbare Downstream-Anwendungen: Während der Upstream-Bereich die physische Infrastruktur im Orbit bereitstellt, liegt das größte kommerzielle Potenzial im Downstream – also der Nutzung von Daten, Signalen und Konnektivität auf der Erde. Die Veredelung von Satellitendaten zu B2B-Anwendungen ermöglicht hochskalierbare Data-as-a-Service- und Software-Modelle. Dadurch erschließt der Sektor breite Märkte außerhalb der reinen Raumfahrt – etwa in der Landwirtschaft, der Energiewirtschaft, der Logistik sowie im Finanz- und Versicherungssektor.
    • Darstellung der Cambridge University zu historischen Kosten für den Transport von 1 KG Nutzlast in den Orbit. Quelle: From Sputnik to Starship: Estimating the experience curve of space launch technology von Alession Terzi/Francesco Nicoli, 2026
  • Zusätzlich schafft die wirtschafts- und sicherheitspolitische Ebene Handlungsbedarf: Die deutsche Weltraumsicherheitsstrategie misst Themen wie Space Surveillance und Space Domain Awareness eine wachsende Bedeutung bei. Zurecht, wie wir aktuell sehen: Erdbeobachtung, Navigation und Satellitenkommunikation sind kritische Infrastruktur, bilden eine wichtige Säule europäischer Souveränität und sind zunehmend auch sicherheits- und verteidigungsrelevant. Im Zweifel hängt das Leben von Soldaten davon ab. Auch europäische Initiativen drängen deshalb auf eigene Kapazitäten im Weltraum.

    Startups als Innovationstreiber entlang der Wertschöpfungskette

    Diese neue Dynamik nutzen und beschleunigen junge Technologieunternehmen, die Innovationen deutlich schneller zur Marktreife bringen. Sie setzen auf agile Entwicklungsprozesse, standardisierte Komponenten und häufig auf einen hohen Softwareanteil. Dadurch sinken Entwicklungszeiten und Produktionskosten weiter.

     

    • Suborbital-Rakete des Münchener Scale-ups HyImpulse. Bildquelle: HyImpulse Technologies
  • Gleichzeitig entwickeln Startups und Scaleups entlang der gesamten Wertschöpfungskette neue Geschäftsmodelle. Dazu gehören unter anderem:

     

    • Komponenten und Subsysteme für Raketen und Satelliten
    • Microlauncher für kleine Nutzlasten
    • Satellitenplattformen
    • Erdbeobachtung
    • Weltraumlageerfassung (Space Situational Awareness)
    • Kommunikationslösungen
    • In-Space-Services wie Wartung oder Versorgung von Satelliten und Raumstationen.
    • Neue Materialien

     

    Damit bedienen viele dieser Unternehmen Märkte, die vor wenigen Jahren kaum existieren bzw. nicht durch private Unternehmen abbildbar waren. Andere ersetzen bestehende Technologien durch deutlich effizientere, spezialisierte Lösungen.

    Immenser Kapitalbedarf und hohes Ausfallrisiko: Kein Fall für die Hausbank

    Trotz der politischen Bedeutung des Sektors sind diese SpaceTech-Startups auf Venture Capital angewiesen. Die Entwicklungskosten sind hoch und in vielen Fällen geknüpft an intensive Forschung, umfangreiche Tests und komplexe Zertifizierungsprozesse. Vor allem bei öffentlichen und militärischen Auftraggebern sind extrem lange Sales-Zyklen zu erwarten. Gleichzeitig entstehen bereits früh hohe Kosten für Personal, Prototypen und Produktionskapazitäten. Je nach Geschäftsmodell kann sich der Kapitalbedarf über die verschiedenen Wachstumsphasen auf mehrere hundert Millionen Euro summieren.

    Hinzu kommt: Viele SpaceTech-Startups führen in der Anfangsphase zunächst individuelle Entwicklungsprojekte durch, bevor skalierbare Serienprodukte entstehen. Entsprechend verschieben sich größere Umsätze häufig auf einen späteren Unternehmenszeitpunkt. DeepTech-typisch kommen Fremdkapitalinstrumente aufgrund der nicht planbaren Cashflows und des Fehlens werthaltiger Sicherheiten erst in späteren Phasen in Frage. Venture Capital, also Eigenkapital, ist angesichts des Risikos damit vor allem in frühen Phasen die einzige Möglichkeit zur Finanzierung.

    Den Investoren muss ihrerseits klar sein: SpaceTech, insbesondere mit Hardware-Fokus, ist wie alle DeepTech-Anwendungen äußerst kapitalintensiv und mit langen Entwicklungs- und Kommerzialisierungsphasen verknüpft. Das Kapital ist damit möglicherweise länger gebunden als in anderen Asset-Klassen. Technische Rückschläge, misslungene Starts oder beschädigte Satelliten haben erhebliche finanzielle Auswirkungen. Selbst wenn alles wie geplant läuft, bleibt das Exit-Risiko: Strategische Käufer sind begrenzt, die oft hohen Bewertungen können eine etwaige Übernahmetransaktion unattraktiv machen. Als

    Exit-Kanal kommt deshalb häufig nur die Börse in Frage; je nach Marktstimmung ein Risiko für die Venture-Capital-Investoren, die ihre Anteile erst nach Ablauf einer Lock-up-Periode verkaufen dürfen.

    Astronomische Bewertungen? Venture Kapital folgt klaren Return-Erwartungen

    Dass trotz hoher Kapitalbedarfe und langer Entwicklungszeiten erhebliche Kapitalvolumina in den SpaceTech-Sektor fließen, hat fundierte ökonomische Gründe:

     

    • Hohe Markteintrittsbarrieren & DeepTech-Moats: Spezialisiertes Know-how und komplexe Zertifizierungen schaffen hohe Hürden für neue Marktteilnehmer. Nachhaltige Burggräben ergeben sich im SpaceTech-Sektor vor allem aus tiefen Lock-in-Effekten: Die Verankerung der eigenen Technologie in mehrjährigen öffentlichen Beschaffungsprogrammen, Raumfahrtmissionen (wie SPOCK2, Schild&Schwert, GISMO) und verteidigungsrelevanten Infrastrukturen sichert Startups hochgradig geschützte Marktpositionen mit planbaren Umsätzen.
    • Steigende Nachfrage im margenstarken Downstream: Der Bedarf von Unternehmen und Regierungen nach orbitalen Daten und Services steigt stetig. Den größten wirtschaftlichen Hebel bieten dabei Downstream-Datenprodukte und veredelte Anwendungsdienste: Indem rohe Satellitendaten und Signale in fortlaufende Data-as-a-Service- oder Software-Abonnements übersetzt werden, entstehen hochskalierbare Erlösmodelle mit attraktiven Margen.
    • Strategische Bedeutung und öffentliche Aufträge: Europa arbeitet intensiv daran, technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und eigene Kompetenzen in Bereichen wie Startkapazitäten, Erdbeobachtung oder Weltraumsicherheit auszubauen. Öffentliche Auftraggeber und Verteidigungsinstitutionen agieren verstärkt als vertrauensbildende Ankerkunden. Dieser Mix aus ziviler und öffentlicher bzw. militärischer Nutzung sichert Startups frühzeitige Umsätze und sorgt für wirksames De-Risking von Venture Capital.

     

    • Render der Nyx-Weltraumkapsel von The Exploration Company. Bildquelle: The Exploration Company
  • Damit für Venture-Capital-Investoren das Chancen-Risiko-Verhältnis stimmt, achten sie im SpaceTech-Bereich deshalb neben technologischer Exzellenz vor allem auf die folgenden Kriterien:

     

    • Klare B2B- und B2G-Skalierungslogik (Dual-Use): Erfolgreiche Startups fokussieren sich früh auf Anwendungsfälle, die sowohl kommerzielle Kunden (Landwirtschaft, Energie, Logistik, Versicherungen) als auch als auch Regierungen zur Verteidigung und Aufklärung ansprechen. Erst wenn eine Lösung für beide Zielgruppen verlässlichen Mehrwert liefert, lässt sich das Marktpotenzial voll ausschöpfen.
    • Hybride Geschäftsmodelle: Reiner Hardware-Verkauf reicht für die von VCs angestrebten Multiple-Erwartungen selten aus. Erfolgreiche SpaceTech-Unternehmen verknüpfen ihre physische Infrastruktur mit wiederkehrenden Software-, Analyse- oder Service-Erlösen.
    • Strategische Ökosystem-Partnerschaften: Kooperationen mit etablierten Tier-1-Systemhäusern, Industrieunternehmen und internationalen Raumfahrtorganisationen spielen eine wesentliche Rolle für den Markteintritt. Sie reduzieren den eigenen Vertriebsaufwand und beschleunigen die Kommerzialisierung maßgeblich.

     

    Regionalfaktoren: Deutschland und Bayern als Spitzen-Space-Standorte

    In Deutschland hat sich vor allem Bayern als Standort für NewSpace-Technologien etabliert. Nicht ohne Grund: Bayern ist im Bereich Space-Infrastruktur, insbesondere im spezialisierten Testing, mit der IABG ein technologischer Ankerpunkt in Europa. Das GSOC-Kontrollzentrum im DLR in Oberpfaffenhofen ist eines der modernsten weltweit. Bis 2027 soll dort außerdem mit dem Bau des HECC Human Exploration Control Center ein neuer Standard für robotische und astronautische Raumfahrtmissionen gesetzt werden. Auch das AZO-Anwendungszentrum und Initiativen der bayerischen Staatsregierung wie bavAIRia sind dort angesiedelt.

    Zu erwähnen ist das Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding, das Unternehmen Zugang zum Defence-Markt ermöglicht, sowie die Universität der Bundeswehr, die ein hohes Maß an Forschung in Space-Umfeld fördert. Zudem bietet kaum ein Standort in Europa einen vergleichbaren Zugang zu fertigungsrelevanten Ingenieuren, etwa im Bereich Anlagentechnik und Produktionsplanung, die für die Produktion komplexer Hochtechnologien erforderlich sind. Wenig überraschend, dass unlängst Rocket Lab, einer der größten Konkurrenten von SpaceX, bekanntgab, sich durch die Übernahme von Mynaric in München ansiedeln zu wollen.

     

    • Render des SIGI-Satelliten von Reflex Aerospace. Bildquelle: Reflex Aerospace
  • Die spezifische Standort-Dynamik bedingt, dass auch Bayern Kapital als öffentlicher Venture-Capital-Investor seiner Verantwortung bewusst ist, in diesen wichtigen Zukunftsmarkt zu investieren. Als einer der aktivsten VCs der DACH-Region haben wir schon heute ein breites SpaceTech-Portfolio vorzuweisen und verfügen über das nötige Know-how und Netzwerk (etwa zur Luftwaffe im Rahmen gemeinsamer Veranstaltungen, um Unternehmen in diesem Sektor groß zu machen. Dabei investieren wir in verschiedene Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um die Souveränität Europas ‚von der Startrampe bis zum Orbit-Deployment‘ substanziell zu stärken und Marktanteile mit möglichst vielen heimischen Unternehmen zu besetzen:

     

    • Isar Aerospace entwickelt die Trägerrakete „Spectrum“, um kleine und mittlere Satelliten sowie Konstellationen flexibel und kosteneffizient in den Orbit zu befördern. Investmentthese: Bereitstellung eigenständiger europäischer Startkapazitäten, um die hohe globale Nachfrage nach dedizierten Launches für moderne Satellitennetzwerke abzudecken und technologische Souveränität zu sichern.
    • HyImpulse entwickelt und betreibt orbital- und suborbitalfähige Trägerraketen, die auf einer proprietären hybriden Antriebstechnologie (fester Treibstoff und flüssiger Sauerstoff) basieren. Investmentthese: Bereitstellung eines hochflexiblen, kostengünstigen und signifikant sichereren Zugangs zum All für Kleinsatelliten durch die Kombination der Leistung flüssiger Systeme mit der Einfachheit und inhärenten Sicherheit hybrider Antriebe.
    • The Exploration Company entwickelt wiederverwendbare Raumkapseln und Hochleistungs-Triebwerke, die Fracht und künftig auch Crews zu Raumstationen transportieren. Die Kapsel Nyx soll an beliebige Raumstationen andocken, das Triebwerk Storm soll künftige schwere Trägerraketen antreiben. Investmentthese: Aufbau einer erweiterten europäischen und global wettbewerbsfähigen Transportinfrastruktur im erdnahen Orbit, von der Kapsel bis zum Antrieb.
    • Reflex Aerospace setzt auf standardisierte, maßgeschneiderte Satellitenbusse mit drastisch verkürzten Entwicklungs- und Lieferzeiten. Investmentthese: Skalierung der Satellitenproduktion durch Plattformstrategien, um die Time-to-Orbit für kommerzielle und sicherheitsrelevante Kunden deutlich zu verkürzen.
    • OroraTech betreibt eine eigene Konstellation von Thermalsatelliten und fusioniert deren Daten mit Drittquellen zu Thermal Intelligence – von der Waldbrandüberwachung nahezu in Echtzeit bis zu Temperaturdaten für Versicherer, Energieversorger und Behörden. Investmentthese: Vertikale Integration aus eigener Satelliteninfrastruktur und Datenfusion in ein hochskalierbares B2B-/B2G-Abo-Modell.
    • constellr nutzt ebenfalls die eigene Satellitenkonstellation, um Temperaturbilder wichtiger Regionen zu erzeugen. Dabei fokussiert sich das Unternehmen auf hochauflösende und präzise Messungen für die Verteidigung, den Energiesektor, die Landwirtschaft und Städte. Zusätzlich bietet constellr ein skalierbares Downstream-Datenmodell auf Basis der Thermaldaten an, für ein temperatur-basiertes Frühwarnsystem in allen Industrien.

     

     

     

    • constellr: Temperaturbild eines Solarparks in den Vereinigten Arabischen Emiraten - aufgenommen aus dem Orbit. Bildquelle: constellr
  • Für Bayern Kapital ist: Aufgrund der immensen strategischen Rolle des Sektors wollen wir auch in Zukunft in aussichtsreiche Start-ups im NewSpace-Bereich investieren.

    Fazit: SpaceTech ist ein anspruchsvolles, aber finanziell vielversprechendes VC-Segment

    SpaceTech hat die Schwelle von der Nische zur industriellen Schlüsselbranche überschritten. Hohe Eintrittshürden, der steigende Bedarf an geopolitischer Resilienz und stark skalierbare Datenmodelle machen den Sektor zwar zu einem komplexen, gleichzeitig aber auch attraktiven Sektor für Venture Capital-Investoren.

    Startups, die technologische Tiefe mit hybriden Geschäftsmodellen verbinden und durch strategische Partnerschaften früh auf Kommerzialisierung setzen, haben eine große Chance, sich in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte unserer Zeit als profitable Zukunftsunternehmen zu positionieren. Bayern spielt in diesem Zukunftsmarkt als Standort mit herausragender Space-Infrastruktur im Herzen Europas eine entscheidende Rolle.