"Auch der M&A-Bereich sollte sich erfreulich entwickeln"

Eine Umfrage unter Venture-Capital-Investoren zum aktuellen Finanzierungsgeschehen in den Life Sciences

    • Andreas Huber, Bayern Kapital

Plattform Life Sciences: Wie bewerten Sie das aktuelle Investitionsklima in Deutschland?

Huber: In der Rückschau betrachtet waren 2022 und 2023 ziemlich stürmische Jahre mit Gegenwind, auch für die Life-Sciences-VC-Investments. Aktuell regiert in Hinblick auf die Zukunft das Prinzip Hoffnung: Der Tiefpunkt scheint überwunden, und wie beispielsweise auf der JPM-Konferenz zu hören war, bessert sich die Stimmung. Es werden Börsengänge (als Exitkanal für VCs) in signifikanter Höhe und Anzahl erwartet. Das sollte auch der Zahl der VC-Investments wieder zu höheren Zahlen verhelfen, zumal auch diverse VCs nach erfolgreichem Fundraising in den letzten Jahren über erhebliche finanzielle Mittel verfügen, die angelegt werden wollen. Nach unserer Wahrnehmung blicken vor allem amerikanische Investoren aufgrund niedrigerer Bewertungen zunehmend auf Targets in Europa. Langfristig ist ein weiterer Aspekt nach wie vor interessant: Nachdem Big Pharma gut gefüllte Taschen hat und auf der Suche nach externen Innovationen ist, sollte sich auch der M&A-Bereich erfreulich entwickeln

Welche Veränderungen in den Finanzierungsrunden beobachten Sie?

In den letzten beiden Jahren war für das Gros der Start-ups eher das Motto „Gürtel enger schnallen“ angesagt. Ausnahmen wie TRiCares, Tubulis und ITM bestätigen hier eher die Regel. Die Finanzierungsrunden waren überschaubarer, die Finanzierungsreichweite damit geringer. Dies galt vor allem für frühe Projekte mit hohem Finanzbedarf und entsprechend hohem Risiko. Aktuell erwarten wir für 2024/2025 aber wieder größere Runden mit starken Konsortien.

Auf welche (neuen) Trends setzen Investoren in Zukunft?

Die Digitalisierung macht natürlich nach wie vor auch nicht vor den Life Sciences halt. Gerade künstliche Intelligenz (Stichwort u.a.: Generative AI) zeigt hier enormes Potenzial, etwa bei der frühen Arzneimittelentwicklung. Allerdings gilt es beim Thema AI, die Spreu vom Weizen zu trennen. Weitere spannende Entwicklungen finden sich im Bereich der ADCs – siehe auch Daiichi-Investment in Bayern und unser Investment Tubulis –, der Radiopharmazeutika sowie neuer Varianten der RNA- bzw. der Gen-/Zelltherapien, etwa RNA Editing oder Innovationen wie CAR-NK-/CAR-M-Therapien. Ebenfalls interessant sind Degrader-Technologien. Jenseits der Krebstherapien zeigt der Erfolg der neuartigen „Abnehmpillen“ das enorme Marktpotenzial in diesem Feld.

    • Dr. Holger Reithinger, Forbion Capital

Plattform Life Sciences: Wie bewerten Sie das aktuelle Investitionsklima in Deutschland?

  • Dr. Reithinger: Unverändert, also verbesserungswürdig. Die besten Innovationen werden Investoren finden, die dann zum größten Teil ausländische Fonds sind. Es besteht weiterhin erheblicher Handlungsbefarf im Technologietransfer von Universitäten in Unternehmen. Hier haben wir einen deutschlandweiten Flickenteppich. Weiterhin wäre es wünschenswert, wenn junge Wissenschaftler schon früh im Prozess auf State-of-the-Art-Attraktivitätskriterien aufmerksam gemacht und gecoacht werden, damit nicht erst nach der Gründung während des Fundraising-Prozesses herauskommt, dass weder das Molekül noch die gewählte Indikation eine Chance haben, finanziert zu werden.

Welche Veränderungen in den Finanzierungsrunden beobachten Sie?

Nach den Seed-Runden findet die erforderliche Internationalisierung der Investorengruppe bei den notwendig großen Runden statt. Das stärkt die Unternehmen im internationalen Wettbewerb und macht diese attraktiv für externes, erfahrenes Management, was wir weiterhin benötigen. US-Fonds blicken verstärkt nach Deutschland, arbeiten dann gerne mit etablierten Fondsgesellschaften zusammen. Auch die Bewertungen haben sich nach der Pandemie wieder normalisiert

Auf welche (neuen) Trends setzen Investoren in Zukunft?

Wir sind langfristig orientiert und versuchen, kurzfristige Trends zu vermeiden. Was therapeutische Gebiete anbelangt, so sind neben einem kontinuierlichen Interesse in Onkologie nun auch wieder neurologische, kardiometabolische und autoimmunitätsgetriebene Erkrankungen im Fokus.

    • Dr. Fei Tian, MIG Captial

Plattform Life Sciences: Wie bewerten Sie das aktuelle Investitionsklima in Deutschland?

Dr. Tian: Das derzeitige Umfeld für VC-Investitionen in die Biotechnologie ist wieder deutlich ermutigender. Ich erwarte, dass im Jahr 2024 eine steigende Zahl von Deals abgeschlossen werden kann. 

Welche Veränderungen in den Finanzierungsrunden beobachten Sie?

Investoren sind sicherlich vorsichtiger, finanzielle Ressourcen sind jedoch reichlich vorhanden. Die Syndizierungsaktivitäten unter den VC-Investoren sind sehr aktiv, tragen damit zum VC-Ökosystem bei und stärken die Robustheit der deutschen und europäischen Biotech-VC-Industrie. Öffentliche Fördermittel auf deutscher und europäischer Ebene unterstützen die Biotechnologiebranche in erheblichem Umfang. Von Start-ups, die Kapital aufnehmen, verlangen die Investoren, dass sie im Geschäftsplan in Szenarien denken und einen Checkpoint-Mechanismus entwickeln, um die Programme effizient anzubringen. Im Rahmen der Finanzierungsrunde liegt der Schwerpunkt stärker auf der Entwicklung einer Equity Story, wobei drei kritische Säulen abgedeckt werden müssen: die sogenannten Data Packages, Kosten und Zeit sowie Wirkung und Ertrag.

Auf welche (neuen) Trends setzen Investoren in Zukunft?

Ein Investitionstrend sind multidisziplinäre Plattformen zur Arzneimittelentwicklung, die die Kluft zwischen etablierten wissenschaftlichen Disziplinen und den sich rasch entwickelnden Bereichen der KI und des maschinellen Lernens überbrücken. Ein zweiter Trend sind fortgeschrittene Datengenerierungs- und Analysewerkzeuge. Sie konzentrieren sich sowohl auf von Patienten gemeldeten Daten aus der realen Welt als auch auf biologische und klinische Daten und ermöglichen die Klärung der Wirkungsweise bestimmter Krankheiten und die Entdeckung neuer Behandlungen. Zudem setzen Investoren auf eine Neuausrichtung bei bestimmten bislang schwer zu behandelnden chronischen Krankheiten. Hier helfen neue Blickwinkel der Präzisionsmedizin und ein Fokus auf patientenbezogene Ergebnisse.

    • Dr. Frank Hensel, HTGF

Wie bewerten Sie das aktuelle Investitionsklima in Deutschland?

Dr. Hensel: Nachdem 2023 sicherlich ein eher schwaches Jahr für die Biotechfinanzierung war, scheint sich die Stimmung am Markt zu verbessern. Vor allem die großen Fonds haben noch viele liquide Mittel, die in aussichtsreiche Firmen investiert werden können. Mit Unternehmen wie Tubulis oder CatalYm haben sich in Deutschland reife Biotechfirmen entwickelt, die entweder über sehr interessante Plattformen oder Produkte in fortgeschrittenen klinischen Phasen verfügen und damit interessante Targets für Investments darstellen.

Welche Veränderungen in den Finanzierungsrunden beobachten Sie?

Während viel Kapital für große Runden von Firmen mit Assets in der klinischen Entwicklung zur Verfügung steht, ist derzeit der Aufbau größerer Seed- und Series-A-Runden eher schwierig und langwierig. Einige der typischen Seed- und Series-A-Fonds befinden sich noch im Fundraising. Die Situation dürfte sich aber 2024 bessern, wenn diese erfolgreich Anschlussfonds raisen können.

Welche Rolle werden künftig Digital Health und KI spielen?

Der Markt für Digital Health hat sich meines Erachtens eher etwas abgekühlt und vermutlich warten viele Investoren erst einmal ab, welche Konzepte sich gut weiterfinanzieren oder weiterverkaufen lassen.  Nach wie vor besteht ein Fragezeichen dahin gehend, wie der Exitmarkt für Digital-Unternehmen überhaupt aussieht. Nach dem ersten Hype um Digital Health vermute ich, dass KI-basierte Businessmodelle langsamer und dadurch vielleicht reifer in den Markt kommen. Zeitnah erwarte ich keine große Welle bei der Finanzierung von KI-Firmen.

Die Umfrage führte Holger Garbs.